Dr. Ronald Lindner:

"Der Mensch ist im Umgang mit Hunden tragisch-komisch erfolglos"

 
Sind unsere Hunde wirklich glücklich? Um diese Frage mit Gewissheit beantworten zu können, müssten wir sie besser verstehen. Ein Gespräch mit Tierverhaltenstherapeut Dr. Ronald Lindner über Missverständnisse zwischen Mensch und Hund und die Bedürfnisse von Vierbeinern in der heutigen Zeit.

Hr. Dr. Lindner, als Tierverhaltenstherapeut beschäftigen Sie sich seit vielen Jahren täglich mit Menschen und Hunden. Wie gut kennen wir unsere haarigen Mitbewohner?

Nun, die Antwort dürfte aufgrund der täglich vielfachen Missverständnisse zwischen Hund und Mensch nicht schwer fallen. Wir sind im Umgang mit Hunden häufig tragisch-komisch erfolglos. Faul, besserwisserisch und ignorant gegenüber Offensichtlichem, was das Erkennen und Akzeptieren der Eigenheiten der Hundesprache betrifft, sind wir Hundebesitzer oft nicht die kompetentesten Dolmetscher unserer anvertrauten Schützlinge.

Ließen sich viele Probleme vermeiden, wenn wir unsere Hunde besser verstehen würden?

Ja, es ist notwendig, die Ansprüche unserer Hunde an ein normales Leben in menschlicher Obhut zu kennen. Auch könnte das gemeinsame Miteinander erfüllt und voller Harmonie sein, wenn wir Menschen uns den Hunden gegenüber wie „Artgenossen ohne Fell“ verhalten würden. Wir stehen noch am Anfang des Verstehens und Erkennens von mimischen, gestischen und akustischen Signalen und können die Wirkung der eigenen Körpersprache an der Reaktion der Hunde noch immer nicht völlig begreifen.

Hunde scheinen sich seit Jahrtausenden den Kopf darüber zu zerbrechen, was der Mensch will. Wir Menschen brauchen hingegen Dolmetscher in Form von Hundetrainern und Verhaltenstherapeuten, die uns erklären, wie Hunde denken und fühlen. Sind uns Hunde in dieser Hinsicht weit voraus?

Sicherlich! Bereits die Vorfahren waren offen für Neues und lernten über viele Jahrtausende hinweg aus Mimik, Gestik, Körperhaltung und dem verbalen „Kauderwelsch“ des Menschen zu verstehen, was dieser gerade verlangte, was er fühlte und wie man eben das Richtige macht für ein paar Brocken Futter. Ganz klar, der Wolf respektive der Hund war fleißig, er beobachtete und lernte ... vor allem auch, dass Menschen oft unberechenbar, launisch, inkonsequent und wirklich schwer zu verstehen waren.

Warum fällt es uns so schwer, Hunde zu verstehen, wo wir Menschen uns doch als die Krone der Schöpfung verstehen?

Tatsache ist, dass wir Menschen eben wie Primaten denken, fühlen und handeln. Ebenso wie unsere Verwandten aus dem Dschungel, zeigen wir einander Zuneigungen, in dem wir uns umarmen, küssen und in die Augen schauen. Unsere Hunde empfinden jedoch anders! Eine Umarmung oder ein Anstarren bedeutet Bedrohung. Hunde küssen nicht, lecken jedoch mituntern unsere Lippen und verschenken so ihre „Schnauzenzärtlichkeiten“ wohlwollend an uns. 

Weil der Hund mit seiner Umwelt zurechtkommt, folgern wir daraus, dass er sich auch wohl fühlt. Ist dem Hund seine hohe Anpassungsfähigkeit inzwischen zum Verhängnis geworden.

Ja, leider befähigt ein sogenanntes „Adaptationssyndrom“ unsere Hunde vielgestaltige „Katastrophen“ in ihrer Umgebung auszugleichen und sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Als Paradebeispiel für derartige Notanpassungen bei Hunden wären die gezeigten Trennungsangstsymptome wie Bellen, Winseln, Heulen, Zerstören, Unsauberkeit, motorische Unruhe, übermäßiges Lecken der Haut, sobald sie von den Sozialpartnern getrennt sind, um Stress abzubauen. Dennoch leiden sie!   

Welche Verhaltensweisen von Hunden sind normal, wenngleich Sie von uns häufig als  störend empfunden werden?

Kennt man das Normalverhalten von Hunden, so sind viele der von uns Menschen als störend und unerwünscht empfundenen Verhaltensprobleme nicht nur als völlig „normal“ zu bezeichnen, sondern können überdies als „Stressventile“ fungieren, um Schlimmeres zu vermeiden – wenn wir Menschen es zulassen! Typische Beispiele unerwünschten Normalverhaltens wären das Jagdverhalten gegenüber natürlichen Beutetieren, das Wälzen in Aas und das übermäßige Bellen in den verschiedensten Situationen.

Was gehört tatsächlich in die Kategorie „echte Verhaltensstörung“?

Dazu gehörig sind psychische Störungen, die oft nur mit Hilfe von Psychopharmaka therapeutisch zu beeinflussen sind. Aber auch einige normale Verhaltensweisen wie Angst und Aggression, die dann als krankhaft und gestört zu bewerten sind, wenn sie dem Tier eher schaden als nutzen. So sind extreme Ängste vor dem Alleinsein, vor Geräuschen oder Untergründen ebenso therapiebedürftig wie Stereotypien, Apathie und Depressionen. Sowohl das Arrangieren mit der Erkrankung als auch das Verhindern von entstressendem Alternativverhalten durch den Besitzer führt beim Hund zur Entstehung von Leiden!

Sie sprechen in Ihrem Buch „Was Hunde wirklich wollen“ von „gutem“ und „schlechtem Stress“. Was ist guter und was ist schlechter Stress für den Hund?

Der „gute“ Stress wirkt als kurzzeitige Belastung mit zwischengeschalteten Erholungsphasen auf den Organismus ein, baut so ein wünschenswertes und überlebenswichtiges Erregungspotential auf. Die Hunde sind aufmerksam und motiviert. „Schlechter“ Stress hingegen ist unangenehm, überfordernd und gefährdet das eigene Überleben. Hält dieser negative Stress längere Zeit an, ohne dass der Hund erfolgreich ein krisenbewältigendes Alternativverhalten zeigen konnte, so führt dies zu Leistungsdepressionen und er leidet!

Was braucht ein Hund außer Fressen, Schlafen und Gassi gehen, damit er sich wohl fühlt?

Für das Wohlbefinden müssen Grundbedingungen geschaffen und Verhaltensweisen ermöglicht werden, die zu einer adäquaten Ernährung, Pflege, körperlichen Unversehrtheit, etc. führen, um die Bedarfsdeckung und Schadensvermeidung zu ermöglichen. Die Hypes oder Wohlfühlelemente, die eindeutig Wohlbefinden der Hunde anzeigen, sind u.a. Spielverhalten, bestimmte Komfortverhaltensweisen wie zum Beispiel das Wälzen, ungestörte Ruhephasen und ein erhaltenes Neugier- und Lernverhalten. 

Können Sie uns zum Schluss noch eine Kurzanleitung für ein besseres Verständnis unserer Hunde geben.

Der domestizierte Wolf ist ein „Kunstprodukt“ des Menschen, einzigartig in seiner Vielfalt und Variabilität, ausgestattet mit fantastischen Sinnen und einer phänomenalen Anpassungsfähigkeit. Gönnen wir ihm mehr Wertschätzung und lassen ihn idealer Weise ein Leben als „Angestellten“ im Rudel „Familie“ führen. Vor allem sollten wir unseren „Zottelschnauzen“ hinreichend Gelegenheit bieten, einfach „Hund“ sein zu dürfen – denn Vorbeugen ist bekanntlich besser und einfacher als Heilen!

Buch-Tipp

Ronald Lindner: Was Hunde wirklich wollenWas Hunde wirklich wollen

von Dr. Ronald Lindner

Tierverhaltenstherapeut Dr. Ronald Lindner stellt in seinem Ratgeber die Bedürfnisse der Hunde in unserer heutigen Zeit vor. Er erklärt, wie man erkennt, ob der Vierbeiner wirklich zufrieden ist und was es für eine harmonische Mensch-Tier-Beziehung braucht.

Eine ausführliche Buchvorstellung finden Sie hier.

 

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